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Netzwerke gegen multiresistente Krankheitserreger in Rheinland-Pfalz

Pro Jahr kommt es in Deutschland schätzungsweise zu circa 600.000 Krankenhausinfektionen. Ein Drittel davon wäre nach Meinung von Experten bei konsequenter Hygiene vermeidbar. Viele vermeidbare Infektionen sind durch multiresistente Erreger (MRE) bedingt, wie beispielsweise Methicillin-resistente Staphylococcus aureus-Stämme (MRSA) Vancomycin-resistente Enterokokken (VRE) oder zunehmend multiresistente gramnegative Erreger (MRGN) wie ESBL-Bildner oder Carbapenemasen produzierende Bakterien. Diese Erreger sind gegenüber einer Vielzahl von im medizinischen Alltag gebräuchlichen Antibiotika resistent.

Das Problem der multiresistenten Erreger besteht sowohl grenz- als auch sektor- und institutionenübergreifend, z. B. beim Krankentransport von einem Altenpflegeheim in ein Akutkrankenhaus. Es kann daher nach Experten-Ansicht nur im regionalen Zusammenwirken von stationären und ambulanten Einrichtungen gelöst werden.

Deshalb hat die Gesundheitsministerkonferenz der Länder die Bildung von regionalen Netzwerken angeregt. Danach haben sich viele regionale Netzwerke in Deutschland gegründet - auch in Rheinland-Pfalz. Sie alle haben das gemeinsame Ziel, die Zahl der Infektionen durch multiresistente Erreger zu verringern und das Bewusstsein für Fragen der Hygiene zu stärken.

Einen umfassenden Überblick über die regionalen MRE-Netzwerke in Deutschland vermittelt die Homepage des Robert Koch-Institutes (RKI).

Ein besonderes Vorbild für die Netzwerkarbeit in Deutschland stellt das erste in der Region Twente-Münsterland erfolgreich angesiedelte EUREGIO MRSA-Net dar: www.mrsa-net.nl/de

MRSA-/MRE-Netzwerke sind Kooperationen der verschiedenen Akteure im Gesundheitswesen. Dem öffentlichen Gesundheitsdienst (ÖGD) bzw. dem jeweiligen Gesundheitsamt kommt bei der Bekämpfung von MRSA/MRE eine besondere Rolle als Moderator in regionalen Netzwerken zu. Der ÖGD ist die einzige Stelle, die direkte Anknüpfungspunkte mit allen im Gesundheitswesen tätigen Berufsgruppen (Krankenhäuser, Arztpraxen, Alten- und Pflegeheime, Rettungsdienste, Laboratorien etc.) hat.

MRSA-/MRE-Netzwerke in Rheinland-Pfalz

Auch in Rheinland-Pfalz hat der Netzwerkgedanke deutliche Zustimmung gefunden. Quer durch das Bundesland sind bereits zahlreiche regionale und auch überregionale Kooperationen gebildet worden oder befinden sich im Aufbau. Das Landesuntersuchungsamt hat im Auftrag des rheinland-pfälzischen Gesundheitsministeriums dabei die Funktion einer koordinierenden Stelle der Netzwerkarbeit in Rheinland-Pfalz.

Bereits existierende Netzwerke:

  • Im Norden von Rheinland-Pfalz besteht im Euregio-Netzwerk "Euprevent MRSA" seit 2009 eine grenzübergreifende Zusammenarbeit der Landkreise Daun (Vulkaneifel) und Bitburg-Prüm (Südeifel) mit den angrenzenden Regionen in Nordrhein-Westfalen, in Belgien und der Niederlande (Euregio Maas-Rhein EMR). Die Arbeit findet in enger Abstimmung mit den Hygiene-Experten der Universitätskliniken Aachen und Maastricht statt. www.euprevent.com
  • Weiterhin befindet sich der Landkreis Ahrweiler und der Landkreis Neuwied in einem länderübergreifenden Netzwerk in der Rhein-Ahr-Sieg-Region, das unter Federführung des Hygiene-Institutes der Universität Bonn entstanden ist. www.mre-rhein-ahr.net
  • Auch in der Mitte von Rheinland-Pfalz hat sich ein Netzwerkverbund der Landkreise Rhein-Hunsrück, Bad Kreuznach, Mainz und Alzey-Worms sowie Birkenfeld gebildet und seine Tätigkeit in Kooperation mit der Universitätsmedizin Mainz aufgenommen. www.mre-netzwerk-rhein-nahe.de
  • Schließlich finden auch im Süden von Rheinland-Pfalz weitere konkrete Netzwerkaktivitäten statt. Zu dem umfassenden "MRE-Netzwerk Pfalz" gehören die Städte bzw. Landkreise Germersheim, Landau/Südliche Weinstraße, Neustadt a.d.W./Bad Dürkheim, Kaiserslautern, Donnersbergkreis, Kusel und Pirmasens/Zweibrücken/Südwestpfalz. www.mre-netzwerk-pfalz.de
  • Weiterhin befindet sich die Stadt Ludwigshafen bzw. der Rhein-Pfalz-Kreis im Verbund mit Netzwerkpartnern in der Rhein-Neckar-Region "MRE-Netzwerk Metropolregion Rhein-Neckar".
  • Der Ausbau des Netzwerkgedankens hat in der Mitte von Rheinland-Pfalz auf Landkreisebene (Landkreise Bernkastel-Wittlich und Cochem-Zell) stattgefunden.
  • Zuletzt hat eine regionale Netzwerk-Etablierung in der Mittelrhein-Westerwald-Region stattgefunden. Aktuell ist im Frühjahr 2015 das "MRE-Netzwerk Westerwald-Rhein-Lahn" entstanden, in welchem der Landkreis Altenkirchen, der Westerwaldkreis und der Landkreis Rhein-Lahn verbunden sind.

Standards setzen, Infektionen verringern

Durch den umfassenden Informations- und Erfahrungsaustausch der Akteure des Gesundheitswesens und der betroffenen MRSA-Patienten und ihrer Angehörigen wird eine Basis zur besseren Prävention von Infektionen geschaffen.

Hierzu sind Fortbildungen, runde Tische und Foren zum Dialog mit allen Akteuren des Gesundheitswesens (Akutkrankenhäuser, Reha- und Nachsorgekliniken, Alten- und Pflege-Einrichtungen, niedergelassene Ärzte, Rettungs- und Krankentransportdienste und andere medizinische Leistungserbringer) in Rheinland-Pfalz und in den benachbarten Regionen erforderlich. Mit wirksamen Strategien, Aufklärung und Einhaltung von hygienischen Standards sollen Infektionen mit multiresistenten Erregern verringert werden.

Unter anderem auch mit zeitgemäßen EDV-Methoden wie e-learning oder kleinen Hilfsprogrammen (Apps) für Smartphones kann eine Wissensvermittlung rund um das Thema Hygiene - insbesondere MRSA/ MRE - interessierten Personen oder bestimmten Personenkreisen mit überschaubarem Aufwand ermöglicht werden.

So hat die Landeszentrale für Gesundheitsförderung in Rheinland-Pfalz (LZG) im Auftrag des Gesundheitsministeriums Materialien entwickelt, um Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern im Krankenhaus Praxishilfen für die Einhaltung der Hygieneregeln zu geben. Mit modernen Methoden (verschiedenen Videoclips, Online-Fortbildung) wird dem Fachpersonal im Krankenhaus über die e-learning-Plattform der LZG aktuelles Hygiene-Wissen vermittelt.

Eine Broschüre "Hygiene im Krankenhaus" der LZG - speziell adressiert an ehrenamtlich Aktive im Krankenhaus (z. B. Grüne Damen und Herren) - kann Personen primär nicht-medizinscher Herkunft eine einfache Einführung in wesentliche Hygieneregeln geben.

Auch mit einer speziellen App für Smartphones ("MRSApp" für Apple iOS oder Android Windows als Betriebssystem) ist Fachwissen für Jedermann mobil verfügbar.

Qualitätssiegel schaffen einen Anreiz, hygienische Standards in Krankenhäusern und anderen Gemeinschaftseinrichtungen einzuhalten. Die Netzwerke definieren die Kriterien für die Erlangung eines Qualitätssiegels. So gibt es beispielsweise exakte Vorgaben an ein Akutkrankenhaus für die Erlangung eines "MRSA-/MRE-Qualitätssiegels" im Bereich des Euregio Maas-Rhein-Netzwerkes (EUPrevent EMR MRSA), das die hygienischen Anstrengungen der Klinik für jedermann transparent macht. Auch in den beiden Netzwerken "MRE Rhein-Ahr" und zuletzt im "MRE-Netzwerk Rhein-Nahe" haben bereits zahlreiche rheinland-pfälzische Akutkrankenhäuser die anspruchsvollen Anforderungen an die Hygiene dokumentiert erfüllt und das entsprechende Qualitätssiegel erhalten. Beispiel: Qualitätssiegel für den Vulkaneifelkreis

Ein konkretes Ergebnis einer übergreifenden, netzwerkartigen Zusammenarbeit ist in Rheinland-Pfalz bereits im Bereich des Rettungsdienstes geschaffen worden. Durch die Formulierung und Festlegung hygienischer Standards bei Infektionstransporten ("Hygiene-Ampel") gibt es in einem wesentlichen Schnittstellenbereich des Medizinbetriebes - z.B. für den Kranken- und Patiententransport zwischen Altenheim und Akutklinik - eine konkrete Arbeits- und Orientierungshilfe. In der täglichen Praxis erleichtern standardisierte Übergabeprotokolle die wichtige Informationsweitergabe: Hygiene bei Infektionstransporten

Auch der finanzielle Aspekt tritt zunehmend ins Bewusstsein bei allen Beteiligten. Auf Empfehlung der Kassenärztlichen Vereinigung auf Bundesebene hat die Landes-KV die Möglichkeit herbeigeführt, auch im Bereich der ambulanten Versorgung die Kosten für die Diagnostik und Therapie von MRSA-betroffenen Patienten zu übernehmen: www.kbv.de/html/mrsa.php

Seit dem 1. April 2012 gibt es eine differenzierte Vergütungsregelung für MRSA-Patienten im ambulanten Bereich. Der Nutzen dieser Regelung, welche zunächst auf zwei Jahre befristet war, findet zunehmende Anerkennung. Mit der neuen Abrechnungsmöglichkeit (Anschlussregelung) soll - neben der Therapie der Patienten - über den EBM auch die Ermittlung epidemiologisch valider Daten ermöglicht werden.

Der ÖGD hat eine besondere Aufsichtsfunktion in Bezug auf die Einhaltung hygienischer Standards. Er fördert alle Anstrengungen und Prozesse, die dazu dienen, die Vorgaben des Infektionsschutzgesetzes (IfSG) und von Hygieneverordnungen umzusetzen. In Rheinland-Pfalz wird der Netzwerkgedanke in einer Landesverordnung über Hygiene und Infektionsprävention in medizinischen Einrichtungen (MedHygVO RLP; §13), welche am 1. März 2012 in Kraft getreten ist, besonders betont.

Empfehlungen von Fachleuten wie z.B. der KRINKO (Kommission für Krankenhaushygiene und Infektionsprävention beim Robert Koch-Institut (RKI) werden bei der Formulierung von Hygienestandards besonders berücksichtigt: KRINKO-Empfehlung Personal und Organisation

Neben den im Krankenhaus erworbenen Infektionen mit grampositiven Bakterien wie MRSA (im Juni 2014 aktualisierte KRINKO-Empfehlung über Hygienemaßnahmen bei MRSA) und VRE werden dort zunehmend auch multiresistente Problemkeime im gramnegativen Bereich (MRGN) wie beispielsweise ESBL-Bildner, Pseudomonaden und andere gramnegative Bakterien mit Resistenzen gegenüber 2, 3 oder sogar 4 Antibiotikagruppen (z.B. 4-MRGN) nachgewiesen.

Auch gegenüber diesen gramnegativen Infektionserregern, deren Bedeutung in der Zukunft weiter zunimmt, sind von den Fachleuten der KRINKO mittlerweile auch spezielle evidenzbasierte Hygiene-Empfehlungen formuliert worden (KRINKO-Empfehlung über Hygienemaßnahmen bei MRGN).

Der Bericht der Bundesregierung - erstattet vom RKI am 18.12.2014 - über nosokomiale Infektionen und Erreger mit speziellen Resistenzen und Multiresistenzen vermittelt eine aktuelle Bestandsaufnahme der Situation in Deutschland, bringt insbesondere die Mehrdimensionalität der Grundthematik zum Ausdruck und skizziert das Spannungsfeld, in welchem sich Netzwerke bewegen.