Schweine können Menschen nicht mit SARS-CoV-2 anstecken

Zuletzt tauchte in den sozialen Medien immer wieder die Behauptung auf, Schweine seien gegen das neue Coronavirus geimpft. Tatsächlich sind Schweine gegen SARS-CoV-2 resistent - aber ganz ohne Impfung. Denn Schweine sind nicht empfänglich für das Coronavirus SARS-CoV-2. Sie stellen daher auch kein potenzielles Risiko für den Menschen dar.

In der Nutztierpraxis bestehen langjährige Erfahrungen mit seuchenhaft auftretenden Coronaviren. Vor dem Hintergrund der derzeit aktuellen Coronavirus-Infektion des Menschen mit dem SARS-CoV2 (Erreger) soll daher an „alte“ Bekannte in der Schweinehaltung erinnert werden, die nach wie vor eine ständige Gefahr für die Tiergesundheit darstellen. Da Coronaviren grundsätzlich die Artenbarriere überspringen können, muss bei diesen Erregern immer auch bedacht werden, das andere Tierarten und somit grundsätzlich auch der Mensch (mit)betroffen sein können. Der Aspekt der „One Health“, also der „einen (gemeinsamen) Gesundheit“ muss stets berücksichtigt werden.

Alpha-, Beta-, Gamma- und Deltacoronaviren

Coronaviren sind in der Natur weit verbreitet und je mehr man danach sucht, umso mehr findet man auch immer wieder neue derartige Viren. Vom Belugawal über unsere Heim- und Nutztiere bis zu seltenen Vogelarten kommen eigenständige Coronaviren vor. Besonders viele „Coronas“ wurden bisher bei Fledermäusen nachgewiesen. Aufgrund der Eigenschaften und des Wirtsspektrums werden derzeit Alpha-, Beta-, Gamma- und Delta-Coronaviren unterschieden. Bei dem neuen SARS-CoV-2 handelt es sich zum Beispiel um ein Beta-Coronavirus, das mit 96% identischer Gene am nächsten mit einem bei Fledermäusen vorkommenden Virus verwandt ist. Allerdings wird derzeit davon ausgegangen, dass bei Übertragung des Virus auf den Menschen noch eine andere Tierart beteiligt ist.
 
Allen Coronaviren gemeinsam ist, dass sie eine Hülle mit charakteristischen Spikes (Zacken) haben, die im elektronenmikroskopischen Bild an eine Krone (Corona) erinnern und von der der Name für die Viren abgeleitet wurde. Die Hülle dieser Viren ist eine Lipiddoppelmembran, die aus in zwei Schichten aneinander liegender Fettsäuren mit jeweils einem phosphorhaltigen Ende besteht. In der Membran eingebettet liegen Eiweißstrukturen (Hüllproteine) wie die oben genannten Spikes. Diese sind für die Anheftung an und das Eindringen in die Zellen des Wirtes von entscheidender Bedeutung. Durch Änderungen dieser Eiweißstrukturen, etwa infolge von Mutationen am Erbgut des Virus, können sich dessen Eigenschaften wie z.B. die Erkennbarkeit durch den Wirt oder die Erkennung anderer Wirte, sprich anderer Tierarten, ändern. Die spezifischen Antigene auf den Spikes, die das Eindringen in die Zelle ermöglichen, treten meist erst kurz vor dem Anheften an die Wirtszelle in voller Funktionsfähigkeit hervor. Am Ort des Viruseintrittes müssen daher schon spezielle Abwehrstoffe in hoher Dichte vorliegen, um zu verhindern, dass die Viren die Zellen befallen können.

Alpha-Coronaviren; Transmissible Gastroenteritis (TGE) und Porzine Epidemische Diarrhoe (PED)

Sicher erinnert sich der eine oder andere noch, wie in den 1970er Jahren eine Erkrankung durch die deutschen Schweinebestände zog. Im ganzen Bestand trat bei älteren Schweinen ab zehn Wochen innerhalb kurzer Zeit Durchfall auf. Landläufig als „Oldenburger Schweineseuche“ bezeichnet, breitete sich die Erkrankung schnell über das ganze Land aus. Ursache der Transmissiblen Gastroenterititis (TGE) war ein Alpha-Coronavirus. Kurz danach kam eine auch die Saugferkel betreffende Durchfallerkrankung hinzu. Diese zunächst als „TGE 2“bezeichnete Erkrankung wurde ebenfalls durch ein Alpha-Coronavirus verursacht. Die beiden Erkrankungen wurden daher zusammen auch als Porcine Epidemic Diarrhea = PED, seuchenhafter Durchfall bei Schweinen bezeichnet. Die Behandlung erfolgte meist symptomatisch, d.h. der Durchfall-bedingte Flüssigkeitsverlust wurde durch Wasser und isotonische Lösungen ausgeglichen. Um die Verbreitung der Erreger in andere Bestände zu vermeiden, war die strikte Einhaltung von Hygienemaßnahmen nötig. Beim Verbringen von Tieren in andere Bestände musste man nach dem letzten Krankheitsfall eine acht Wochen dauernde (= die längste nachgewiesene Ausscheidungsdauer) Wartezeit einhalten. Nachdem zunächst die Erkrankung wellenförmig immer wieder deutlicher in Erscheinung trat, ist jetzt in vielen Beständen eine sogenannte „Herdenimmunität“ vorhanden. Sofern noch die Erreger im Bestand sind, schützt die Muttermilch von immunen Sauen die Ferkel bis sie sich selbst immunisieren können.  Die Erfahrungen mit diesen Coronaviren fließen auch in Beratungen des Schweinegesundheitsdienstes ein und haben viel zum Hygienebewusstsein in der Schweinehaltung beigetragen.

2013 machte dann wieder eine Erkrankung mit einer ähnlichen Symptomatik, zunächst in den Vereinigten Staaten auf sich aufmerksam.  Die jetzt wieder auftretende „PED“  oder Swine Enteric Corona Disease (SECD) wird durch einen neuen, zunächst in Japan vorkommemden Alpha-Coronavirusstamm verursacht, der vermutlich durch Futterreste über China in die USA eingeschleppt wurde. Die Erkrankung führte zum kurzfristigen Zusammenbruch der dortigen Schweineproduktion. Die Hälfte der Schweine haltenden Betriebe war betroffen, und es wurden in diesem Jahr 5 Millionen Schweine weniger geschlachtet. In den großen Beständen mit bis zu 10.000 Sauen führte die Erkrankung zeitweise zu fast 100% Saugferkelverlusten. Dies zeigt, wie empfindlich ungeschützte Populationen sein können. Bei der PED durch den neuen Virusstamm waren vermutlich unerkannt virusausscheidende Tiere und unzulänglich gereinigte Tiertransporter für die Ausbreitung der Erkrankung verantwortlich.

Wie diese Viren 2014 nach Europa kamen, konnte trotz umfangreicher Recherchen nicht eindeutig geklärt werden. Auch in Rheinland-Pfalz gab es nachweislich vereinzelt betroffene Bestände. Dabei konnte in den beim Schweinegesundheitsdienst bekannten Fällen ein Zusammenhang mit einem Tierzukauf dargestellt werden. Auch unsere Erfahrungen zeigen, dass der Erreger auch bei enger Nachbarschaft meist nicht auf die Nachbarbetriebe übertragen wurde. Selbst innerhalb eines Bestandes breitete sich der Erreger nicht zwingend weiter aus. Durch eingebaute Hygieneschleusen (Umkleide im Stallgang) und konsequente Umsetzung von Hygienemaßnahmen konnte die Infektion weiterer empfänglicher Tiere meist verhindert werden. Impfungen gegen PED gibt es nicht.
 
Von erheblichen wirtschaftlichen Folgen durch Ferkelverluste, die die neue Form der PED in Nordamerika hatte, wird zwar auch aus einigen osteuropäischen Großbeständen berichtet, in der Regel traten in Europa, jedoch mildere Verläufe der Erkrankung auf. In den untersuchten Betrieben in RLP wurde der, durch eine geringe Genänderung weniger krankmachende, Stamm OH851 nachgewiesen.
   
Beta-Coronaviren, das Erbrechen und Kümmern der Saugferkel

Die „Ontario Encephalitis“ wurde erstmals 1963 festgestellt. In Nordamerika ging die Erkrankung bei Ferkeln mit zentralnervösen Störungen und Erbrechen einher. Der Erreger, ein Beta-Coronavirus, führt in Europa zu einem als Erbrechen und Kümmern der Saugferkel bezeichneten Krankheitsbild. Es wird daher auch „VW-Krankheit“, von englisch Vomiting und Wasting, genannt.

Diesmal sind nur Ferkel unter 4 Wochen betroffen. Zuerst vermehrt sich das Virus im oberen Respirationstrakt und breitet sich dann vom peripheren Nervensystem ins zentrale Nervensystem aus. Der Befall der Nervenknoten des Magens führt zunächst zum Erbrechen der Milch und schließlich zu Kümmern mit schlechten Heilungsaussichten. 
Diese Erkrankung wird vom Schweinegesundheitsdienst schon seit einigen Jahren nicht mehr beobachtet. Einzelne Ferkel, die klinisch Erbrechen zeigen, kommen zwar gelegentlich vor, werden aber, weil sie in der Regel Einzelfälle darstellen, nicht weiter untersucht.

Eine neue Infektion beim Ferkeln durch ein Delta-Coronavirus

In der chinesischen und amerikanischen Literatur wird in den letzten 10 Jahren ein weiteres wirtschaftlich relevantes Coronavirus beschrieben. Das Porcine Delta-Coronavirus (PDCoV), welches ebenfalls Durchfall und Erbrechen bei Saugferkeln verursacht. In Südchina ist es an 20% der Fälle von Saugferkeldurchfällen beteiligt. Vielleicht ist das der nächste Kandidat, der „viral“ in die „Schweinewelt“ geht? Eine neue Publikation des Centre of Emering Diseases also des Zentrums sich ausbreitender Krankheiten (CED) in Atlanta, USA berichtet zudem aktuell auch über die Empfänglichkeit von Puten und Hühnern gegenüber diesem Deltacoronastamm.

Coronaviren bei Ferkeln am LUA

Obwohl Coronaviren derzeit nicht seuchenhaft in den Schweinebeständen im Land auftreten, sind sie dennoch auf dem Schirm der Veterinäre des Landesuntersuchungsamtes in Koblenz. Auswertungen von Untersuchungen an Kotproben von durchfallerkrankten Ferkeln im Elektronenmikroskop des LUA ergibt bis zu einem Drittel der Proben eine Beteiligung von Coronaviren.
 
Die klinischen Beobachtungen des Schweinegesundheitsdienstes in den Betrieben zeigen dazu in der Regel mild verlaufende Durchfallerkrankungen bei ca. 14 Tage alten Ferkeln (siehe Bild 1). Es wird davon ausgegangen, dass die Immunisierung mit den in den Herden vorkommenden Erregern zu einem leichten klinischen Verlauf führt. Eine weiterführende systematische Untersuchung und Differenzierung der nachgewiesenen Viren unterbleibt jedoch wegen der derzeit geringen wirtschaftlichen Bedeutung.

Coronaviren - One Health oder Eine Gesundheit

Hinweise auf vermehrte Erkrankungen nach einer Übertragung dieser oben genannten Erreger auf den Menschen gibt es nicht.

Aber auch beim Menschen kommen spezifische Coronaviren vor – etwa als Verursacher von Erkältungskrankheiten oder als Durchfallerreger bei Kleinkindern. Daher muss umgekehrt auch eine eventuelle Übertragung vom Mensch auf das Tier bedacht werden.

Nach Mitteilung des Friedrich-Loeffler-Institutes und des Robert Koch-Institutes wurden bisher keine Informationen aus China oder anderen von SARS-CoV-2 betroffenen Ländern bekannt, die auf eine besondere Rolle von Schweinen, Rindern, Hühnern oder Enten bei der Übertragung dieses Virus schließen lassen. Nach den vorliegenden Stellungnahmen des European Centre for Disease Control (ECDC) und der Weltgesundheitsorganisation WHO gibt es derzeit ebenfalls keine Hinweise auf Infektionen von Haus- und Nutztieren mit SARS-CoV-2. Allerdings fehlen derzeit noch tiefergehende wissenschaftliche Untersuchungen.

In wieweit Frettchen und Katzen als potentielle Empfänger oder sogar Überträger von Sars-CoV-2 in Frage kommen, wird derzeit noch näher abgeklärt.

Die Übertragung von Coronaviren erfolgt fast immer direkt über Tröpfchen- oder Schmierinfektion. Die behüllten Coronaviren sind relativ empfindlich. Die konsequente Einhaltung von Hygieneregeln kann auch neuen Erregern in den landwirtschaftlichen Betrieben den Schrecken nehmen.